Auf jedem Gebiet gibt es die Avantgarde der Trendsetter und die grosse Masse der Nachahmer. Das ist auch im E-Commerce nicht anders. Vieles, was sich abzeichnet, ist im Prinzip bekannt – aber man wartet noch mit der eigenen Reaktion. Man weiss ja nie. Und Vorsicht war schon immer die Mutter der Porzellankiste.

Doch es gibt ganz klare Tendenzen, die sich noch verstärken werden – und die sich auch durchsetzen werden.

1. Aus «Big Data» wird «Huge Data».
Sagt dir Begriff «Zettabyte» etwas? Das ist, falls du es dir vorstellen kannst, eine Milliarde Terabyte. Bis in ein paar Jahren wird das Datenvolumen im Internet ungefähr 30 Zettabyte schwer sein. Kein Problem für intelligente Systeme, diese Informationen genau zu analysieren und sich daraus genau die Pakete zusammenzubüscheln, die ein Online-Marketer oder -Verkäufer braucht!
Der Kunde ist in Zukunft mehr als nur «gläsern»: Das Netz weiss fast mehr über ihn als er selbst. Und das weckt Begehrlichkeiten. Denn dieses Wissen wollen sich alle nutzbar machen. Vor allem natürlich die Wirtschaft. Mit anderen Worten: Wer Zugang zu Informationen hat, der hat auch alles in der Hand, was er braucht, um erfolgreich Geschäfte – legale wie allenfalls auch illegale – zu betreiben.

2. Die Shops gehen zum Kunden, sind aber nicht überall gleich willkommen.
Du hast einmal für ein Fest nach einem geblümten Hemd gesucht und bei Google «geblümtes hemd kaufen» eingegeben. Jetzt verfolgen dich geblümte Hemden auf allen Nachrichtenportalen, auf Facebook, Amazon, Youtube und PostFinance, und du erhältst andauernd Werbemails für Blumenshirts. Google, Facebook, Zalando und Ricardo werden dich natürlich beruhigen: dass sie dir eben personalisierte Werbung schicken würden. Dass sie dir ausschliesslich genau das anböten, was dich interessiere. Dass das alles nur zu deinem Besten sei. Mit anderen Worten: Alle buhlen möglichst gezielt um ihr Publikum. Und das wird noch weiter zunehmen – ob es dem User passt oder nicht.

3. Die Anbieter werden persönlich, ehrlich und transparent.
Online-Shopper sind anspruchsvoller geworden und verlangen mehr von den Anbietern. Sie wollen wissen, wer hinter einem Shop steht und wo die Produkte herkommen. Sie sind vorsichtig geworden, weil so viel gefälschte Ware den Markt überschwemmt. Erfolgreiche E-Commerce-Anbieter werden deshalb alles unternehmen, um Vertrauen aufzubauen. Genau das Vertrauen, das du damals zu Tante Emma im Quartierlädeli hattest. 2015 wird das die ganz grosse Herausforderung sein: in der virtuellen Shoppingmall eine persönliche, vertrauenerweckende, dezente und stimmige Kommunikation mit dem Kunden zu finden – und sich dadurch von der Konkurrenz abzuheben. Denn viele Konsumenten reagieren ungnädig auf die «massgeschneiderte Überschwemmung», und viele Marketer werden sich darauf konzentrieren, Angebote zu machen, die seriöser wirken. Ihre Kampagnen kommen auf weichen Pantoffeln – in Form von auf dich zugeschnittenen sympathischen Filmchen, die etwas handgestrickter, aber dafür ehrlicher erscheinen, wie von einem guten Freund. Ihre Strategie heisst Einfachheit. Und sie werden dir die Illusion der Einfachheit vermitteln. Ihre Strategie heisst Transparenz. Und die Botschaften werden zumindest die Illusion der Transparenz transportieren.

E-Commerce-Trends 2015
shadow

4. Aus Stichworten werden professionelle Texte
Für alle, denen Schlagwörter wie «Content is King» und «Content Marketing» schon heute auf den Keks gehen: Sie werden sich damit abfinden müssen, dass diese Begriffe nicht von der Bildfläche verschwinden und Content immer wichtiger wird. Das hat auch Konsequenzen im Onlinehandel: Es wird professionelle Texter brauchen, die nicht nur Content in Form von «Grauwert» bereitstellen, sondern auch genau wissen, wie man den Kunden vom Anschauen zum Kaufen führt. Sie müssen neben der Psychologie des Überzeugens auch eine Ahnung haben von Interaktionsdesign. Und die Designer werden nicht darum herumkommen, die Content Developer, also die Texter, möglichst früh mit ins Boot zu nehmen. Nur so können Shops entwickelt werden, die überdurchschnittlich verkaufen.

5. Die Registrierkasse geht online.
Der Detailhandel ist alles andere als tot, obwohl das Geschäft über das Internet wächst. Nun werden die Online- und die realen Shops verheiratet. Apple hat mit seiner Apple Pay gezeigt, wo die bargeldlose, webbasierte Reise hingeht – auch wenn sie noch nicht eingeschlagen hat. Anderseits zeigen viele Detaillisten, dass sie dazugelernt haben: Sie betreiben parallel einen virtuellen und einen physischen Laden – und die beiden arbeiten eng zusammen. Gleichzeitig werden sich Online/Offline-POS-Systeme vermehrt durchsetzen. Alles, was das Verkaufspersonal braucht, ist ein Tablet-Computer: Er gibt Auskunft über Lager, Lieferbarkeit, Individualisierungsmöglichkeiten, Preise etc. Mit Filmen, Bildern und Informationen bestückt, ist er eine ideale Verkaufshilfe. Und gleichzeitig funktioniert er als einfach bedienbare Kasse, als Erfassungsterminal für Kundendaten, als Kommunikationswerkzeug …

6. Der Shop in der Hosentasche
Fachleute rechnen damit, dass demnächst ein Viertel aller Online-Einkäufe über mobile Geräte abgewickelt wird. Trotzdem soll es immer noch E-Shops geben, die nicht responsiv sind. Mit anderen Worten: Es gibt Geschäfte, die freiwillig auf 25 % ihres Umsatzes verzichten. Denn wer schon einmal versucht hat, per Handy in einem Shop einzukaufen, der auf Bildschirmdiagonalen von mindestens 21 Zoll ausgerichtet ist, wird in Zukunft gerne auf dieses frustrierende Erlebnis verzichten. Und gleich von Anfang an bei einem Konkurrenten einkaufen, der auch an seine Bedürfnisse gedacht hat.

E-Commerce-Trends 2015

Sandro Bertschinger

Er fand Computer relative lange nicht so spannend. Ein Amiga 500 als "Game-Machine" war der Höhepunkt. Als das Internet aufkam und man entsprechend "coole" Webseiten machen konnte, kam das Thema Computer schon eher in den Mittelpunkt. Per Zufall kreuzte dann 2001 eine Internetfirma seinen Weg.

0