Wissen ist Macht, sagt der Philosoph. «Nichts wissen macht auch nichts», sagst du. Falsch! Denn Wissen bringt mächtig Kohle. Und es ist durchaus gut zu wissen, wer mit dem Wissen über dich Geld macht.

Ein Beispiel: Du hast Google Now auf deinem Handy. Das ist äusserst praktisch. «Ein Suchassistent», sagt Google. Und ein automatischer persönlicher Assi dazu: Du gehst am Morgen aus dem Haus, und Google Now sagt dir gleich, wann der nächste Bus fährt. Deine Kollegin hat auch Google Now auf dem Handy. Wenn sie das Haus verlässt, sagt ihr Google Now gleich, wie lang der Stau ist auf ihrem Arbeitsweg. Praktisch, nicht?
Aber vielleicht macht das auch ein bisschen Angst. Um diese Super-Features auf dein Handy zu bringen, muss Google nämlich viel wissen. Und dieses Wissen beschafft es sich, ganz ohne dass du es merkst. Es registriert via GPS dein Bewegungsmuster und weiss, ob du normalerweise mit dem Auto oder dem Zug unterwegs bist. Google weiss aber auch, dass du kürzlich nach einer Ferienwohnung in der Toskana gesucht hast. Und das macht beispielsweise den Ferienhausanbieter «Casetta Toscanella» glücklich. Denn er bezahlt Google für zielgruppengenaue Werbung. Kurz bevor du also am Donnerstagabend am Schaufenster von «Casetta Toscanella» vorbeikommst, klingelt deine Hosentasche. Google Now ist dran und macht dich auf das Angebot des Ferienhausvermieters aufmerksam.

Willkommen im Netz, gläserner User!
Da Google genau weiss, was du wann im Internet suchst und welche Angebote du anklickst, existiert über dich ein nettes kleines Dossier. Du bist dort bekannt als Mann zwischen 25 und 30, hast im Moment eine Freundin (dass du heterosexuell bist, weiss Google schon lange!), machst gerne Ferien auf dem Land in Südeuropa, bist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, hast eine Vorliebe für Mangas …
Das hat Amazon übrigens auch gemerkt. Und schickt dir regelmässig Newsletter mit Neuerscheinungen, obwohl du Amazon sonst mit Verachtung strafst. Aber du hast einmal im zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher, bei ZVAB, nach vergriffenen japanischen Comics gesucht. Oder war es bei Abebooks? Egal. Gehört beides zu Amazon. Und wieso schickt dir Amazon auch immer Angebote zu Blechschildern mit lustigen Texten? Weil du in Facebook ein- oder zweimal einen Link angeklickt hast. Ja, einer deiner Kollegen teilt regelmässig die lustigen Funbook-Fotos, die, auf denen man sich über bescheuerte Angebote auf ebay und Amazon lustig macht. Und: uuups – dein Klick hat dich verraten.

Du bist viel Geld wert. Vor allem für andere
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Die Onlinekonzerne wissen mehr als du denkst. Auch was du denkst!
Deine Kollegen sehen auf Facebook keine Inserate für Partnervermittlung. Du schon! Auch nicht für Mangas. Selbst wenn du gleichzeitig mit ihnen auf Facebook bist. Deine Freunde sehen dafür Werbung für Ferien auf den Seychellen. Und für günstiges Autoleasing.
Okay, sagst du, kein Problem. Ich hab nichts zu verstecken. Und lädst deine neuesten Kurzgeschichten (auch so ein Hobby) in die Dropbox hoch. Denn du engagierst dich literarisch für afghanische Bauern, kritische Geister in Politik und NGOs, für die Freiheit von Mumia Abu-Jamal und gegen die Machenschaften der Gentechniklobby und der amerikanischen Rohstoffkonzerne.
Ausgerechnet Dropbox. Also Amazon. (Ich weiss, bei Google Drive und der Microsoft Cloud warst du ein bisschen skeptisch …).
Jetzt hast du deinen Wert aber kräftig gesteigert. Als Werbungsempfänger für Google, Facebook, Amazon und Konsorten warst du schon recht bedeutend. Aber jetzt beginnen sich auch noch andere für dich zu interessieren. Und da Google, Amazon und Facebook gute Verbindungen zum NSA haben… Aber was erzähle ich da. Allerdings wärst du nicht der Erste, der in der Transithalle eines amerikanischen Flughafens (man muss ja nicht immer in die Toskana reisen!) steckenbleibt. Und auf direktem Weg zurückspediert wird.

Alles legal!
Im Kleingedruckten – du hast es zwar nicht gelesen, aber mit einem Häkchen dein Einverständnis erklärt – stand drin, dass alle Informationen weiterverwendet werden dürfen, die man über dich sammelt. Und da in den Staaten der Datenschutz nicht so ernst genommen wird, am wenigsten der Schutz von Daten aus dem Ausland, ist dieses Einverständnis nicht einmal nötig … Es wird einfach abgeschöpft, was abzuschöpfen ist.

Sagen wir’s mal so: Zumindest ein Stück weit hast du es in der Hand, wie viel du von dir preisgibst. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Meine Gedanken zum Jahresanfang.

Du bist viel Geld wert. Vor allem für andere.

Sandro Bertschinger

Er fand Computer relative lange nicht so spannend. Ein Amiga 500 als "Game-Machine" war der Höhepunkt. Als das Internet aufkam und man entsprechend "coole" Webseiten machen konnte, kam das Thema Computer schon eher in den Mittelpunkt. Per Zufall kreuzte dann 2001 eine Internetfirma seinen Weg.

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