Am WLAN-Router oder Ethernet-Stecker hört die reale Welt auf – und es beginnt der virtuelle Raum des Netzes. Allerdings hört die Rechtsprechung nicht an den Grenzen zum World Wide Web auf. Sie hat auch dort ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.

Politiker und Juristen beschäftigten sich schon zur Zeit der fröhlich zappelnden AOL-GIFs mit dem Internet und seinen Auswüchsen. Noch vor wenigen Jahren regte die deutsche Justizministerin an, man müsse tagsüber (bis 23.00 Uhr!) den Zugang zu unanständigen Seiten unterbinden, um die Jugend vor bösen und schlüpfrigen Bildchen und Filmchen zu schützen. Wie? Ja irgendwie müsste das doch gehen!

Und gerade erst durfte die deutsche Bundeskanzlerin mild lächelnd verkünden, das Internet sei halt für alle noch Neuland, und darum könne man es den staatlichen Stellen nicht verübeln, wenn sie sich darin noch nicht so richtig auskennen.

Allerdings haben deutsche Gerichte schon früh aufsehenerregende Urteile gefällt. Vor allem in Hamburg: 1998 musste dort beispielsweise ein Webseitenbetreiber vor dem Richter antraben: Er hatte auf eine Seite mit zweifelhaftem Gehalt verlinkt – und das Gericht machte ihn denn auch gleich verantwortlich für sämtliche Inhalte aller verlinkten Websites. Noch heute überbieten sich vor allem deutsche Seitenbetreiber mit immer längeren und absurderen Disclaimern, in denen sie sich im Voraus von allem distanzieren, was beim Klick auf einen Link allenfalls passieren oder zum Vorschein kommen könnte.

Alles, was Recht ist im Cyberspace
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Türkei sperrt Atatürk
Gerade Länder mit nicht ganz so liberalen Verfassungen greifen auch im Internet heftig durch, wenn es um Ruhe und Ordnung im Land geht. In der Türkei beispielsweise ist es unter anderem strengstens verboten, Staatsgründer Atatürk zu verhohnepipeln. Das machen sich griechische Nationalisten immer wieder zunutze, indem sie den Vater der Türkei in kleinen Filmchen frivol bauchtanzen lassen oder ihm die Lippen und die Fingernägel rot färben und das Ganze ins Netz hochladen. Der Staat reagiert jeweils sofort und blockiert Youtube, um dem Volk diesen Anblick zu ersparen. Zwar tauchen unter den Suchbegriffen «Atatürk – schwul» nur einige wenige Filmchen auf – aber die Griechen amüsieren sich köstlich, wenn die türkischen Behörden ihrer Bevölkerung mit der Blockade auch gleich den Zugriff auf rund 40’000 Atatürk-Filme mit Titeln wie «Der charismatische Führer» oder «Eine Heldengeschichte» verunmöglichen.

Die geklauten Phönix-Schuhe
2009 ermittelte die Bochumer Polizei in einem völlig neuartigen Fall: Durch einen fiesen Trick (die Aufforderung, eine ganz bestimmte Tastenkombination zu drücken) hatte ein Gamer einen anderen aus einem Online-Game gekickt – und bis der den Rückweg gefunden hatte, war sein Avatar aller Accessoires beraubt. Die Beute: ein Himmelstränenband, ein Siamesenmesser, sieben Millionen Yang – und Phönixschuhe. Wohlverstanden, echte +9-Level-Phoenixschuhe im Wert von zwei Fangzähnen eines Tigers, einer blutroten Perle und 150 000 Yang!
Solche virtuellen Werte kosten aber auch echtes Geld. Eine gute Ausstattung für ein mächtiges Online-Double kann gut und gerne über 1000 Franken kosten. Wer lässt sich da gerne beklauen?
Das deutsche Strafgesetzbuch definiert den Diebstahl als Entwendung einer fremden beweglichen Sache. Aber kann man diesen Paragrafen auch auf ein Paar gepixelte Schuhe anwenden? Zum Glück fand die Bochumer Polizei einen anderen Ermittlungsgrund: ein Computervergehen auf der Linie von Datenausspähung und -veränderung, für das ein Täter mit Geldstrafen oder bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden könnte.
Zu einer Verhaftung kam es allerdings nicht. Und auch nicht zu einer Verurteilung. In Holland wurden allerdings schon ein paar jugendliche Gamer zu einem Sozialeinsatz verknurrt, die einen Kollegen dazu gezwungen hatten, ihnen virtuelle Gegenstände zu überlassen. Hier sah man zumindest den Tatbestand der Nötigung erfüllt …

Fertig lustig
Liebe Freunde, solche Geschichtchen sind ja ganz amüsant. Aber bitte denkt daran: Übler wird’s beim Thema Urheberrechtsverletzung, beim Klauen oder Hochladen oder Verwenden von Musik und Bildern und Filmen, an denen man die Rechte nicht besitzt. Da sind die Ermittlungsbehörden schon ziemlich fit. Hinter jeder virtuellen dunklen Ecke wartet zudem ein gieriger deutscher Abmahnanwalt. Und wenn der etwas entdeckt, kann’s teuer werden. Er lässt sich auch ganz sicher nicht mit Froschzungen, Funkelperlen und ein paar lumpigen Yang abspeisen!

Alles, was Recht ist im Cyberspace

Sandro Bertschinger

Er fand Computer relative lange nicht so spannend. Ein Amiga 500 als "Game-Machine" war der Höhepunkt. Als das Internet aufkam und man entsprechend "coole" Webseiten machen konnte, kam das Thema Computer schon eher in den Mittelpunkt. Per Zufall kreuzte dann 2001 eine Internetfirma seinen Weg.

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